Eine kleine Schreibübung für den Lektürekurs. Ziel war es einen dreidimensionalen Charakter zu erfinden.
Anne-Liese Schmidt ist ein guter Mensch. Sie geht jeden Sonntag in die Kirche und kehrt samstagmorgens ihren Bürgersteig. Seit 40 Jahren ist sie mit ihrem Mann glücklich verheiratet. Ihre beiden Söhne sind bereits aus dem Haus und leben mit ihren Familien in der nahegelegnen Großstadt. Beide sind erfolgreiche Unternehmer und Anne-Liese Schmidt schwärmt gerne vor ihren Freundinnen über ihre perfekte Familie.
Jeden Mittwochnachmittag arbeitet sie bei der örtlichen Tafel und verteilt Lebensmittel an ihre bedürftigen Mitbürger. Diese Arbeit erfüllt sie mit Glück. Schon ihr ganzes Leben lang engagiert sie sich für soziale Projekte. Ihre Mutter hatte ihr als Kind bereits eingebläut: „Anne-Liese denk an die christliche Nächstenliebe. Wenn du was hast, gib es weg. Wenn du nichts hast auch.“ Nach diesem Motto hatte sie seitdem gelebt.
Ihr Mann Rudolf ist oftmals nicht so begeistert von ihrem ausgeprägten Helferdrang. „Meinst du nicht, dass du etwas übertreibst. Wir müssen doch auch gucken wo wir bleiben.“ Doch solche Einwände lächelt sie einfach gewinnend weg. Eigentlich hat er ja sowieso nichts zu sagen, der Rudolf.
Schon seit ihrer Hochzeit wohnen Anne-Liese Schmidt und ihr Mann Rudolf in Bibubabu. Beide sind bestens in die eingeschworene Dorfgemeinde integriert. Vor ein paar Tagen erblickte Bibubabu seit langer Zeit mal wieder neue Gesichter. Direkt gegenüber von den Eheleuten Schmidt zog ein neues Pärchen das leerstehende Haus ein. Die alte Dame, die zuvor dort gewohnt hatte war Anne-Lieses beste Freundin gewesen und sie war sehr traurig als sie starb. Umso neugieriger war sie natürlich als sie den Umzugswagen durch die Gardinen erspähte. „Rudolf, komm mal her. Da drüben ziehen neue Leute ein, das musst du dir ansehen!“ Rudolf kam langsam die Treppe herunter geschlurft und warf einen desinteressierten Blick durch das Fenster: „Ahja, die sehen nett aus.“, sagte er und ließ sich in seinen Fernsehsessel fallen. „Schau doch mal was diese Frau da anhat. Furchtbar. So kann man doch nicht rumlaufen. Dieser Rock gilt höchstens als breiter Gürtel.“, ereifert sich Anne-Liese. Rudolf verdreht genervt die Augen: „Lass sie doch. Immerhin kann sie es tragen, sie ist doch noch jung.“ Anne-Liese schürzt pikiert die Lippen und starrt weiter durch die Gardinen.
In den kommenden Wochen verlässt Anne-Liese kaum noch ihren Lauerplatz bei den Gardinen. Fast stündlich notiert sie Dinge, die sie an den neuen Nachbarn stört. Samstags wird die Straße nicht gekehrt, in der Kirche hat sie das junge Pärchen bis jetzt auch noch nicht gesehen und ständig sind die Rollladen unten. „Was machen die da nur?“, fragt sich Anne-Liese fast pausenlos. „Vielleicht drehen die da Pornos oder beten sie vielleicht sogar den Satan an, sowie wir es gestern im TV gesehen haben. So wie die rumläuft würde mich da überhaupt nichts mehr wundern. Rudolf was sagst du denn dazu?“, fragt Anne-Liese.
„Ich finde du solltest dich aus ihren Angelegenheiten raushalten. Das geht dich nichts an.“, erwidert Rudolf genervt. Was ist nur mit seiner Frau los? Nun kennt er sie schon seit so langer Zeit, doch so hat er sie in all den Jahren noch nie erlebt. In den kommenden Wochen wurde Anne-Lieses Verhalten noch merkwürdiger.
Eines Nachts wurde Rudolf von der sich langsam schließenden Haustür geweckt. Irritiert zog er sich seinen Morgenmantel an und ging die Treppe hinunter. Durch das Küchenfenster sah er seine Frau, ebenfalls im Morgenmantel, auf die andere Straßenseite laufen. „Oh nein. Was ist denn jetzt kaputt?“, dachte sich Rudolf und versuchte durch die Dunkelheit zu erkennen, was seine Frau dort drüben trieb. Anne-Liese huschte von Fenster zu Fenster, linste in den Briefkastenschlitz und schlich sich um das Haus herum in den Garten. Rudolf überlegte kurz, ob er seiner Frau folgen sollte. Entschied sich aber dagegen. Lieber blieb er hier in der Küche sitzen und wartete bis seine Frau von ihren nächtlichen Streifzug zurück kommt.
„Rudolf, wach auf!“, Anne-Liese klang ganz aufgelöst und rüttelte ihren Mann, der auf dem Küchenstuhl eingeschlafen war, wach. „Das sind eiskalte Mörder dort drüben. Ich schwör’s dir ich hab es mit meinen eigenen Augen gesehen. In dem Garten liegt ein riesiger Eispickel und eine Schaufel auf dem Rasen und daneben ist ein frisch ausgehobenes Grab.“
Verschlafen rieb sich Rudolf die Augen. Wo sollte das noch hinführen mit seiner Frau? „Ich weiß, dass die letzte Zeit etwas anstrengend für dich war. Legen wir uns doch einfach wieder ins Bett und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“, langsam wurde Rudolfs Frau ihm unheimlich. Woher kam der ganze Argwohn gegenüber den neuen Nachbarn? Und dass von der Frau, die ihm seit 60 Jahren endlose Vorträge über Nächstenliebe hält.
„Ich werde es dir beweisen. Du wirst es schon noch sehen. Alle werden es sehen.“, schrie Anne-Liese hysterisch und rannte mit wehendem Morgenmantel wieder aus der Tür. Diesmal folgte Rudolf ihr. Als er um die Ecke in den Garten der Nachbarn bog, war ihm schon etwas mulmig. Immerhin befand er sich nun auf fremden Privatbesitz. „Hoffentlich werden die nicht wach.“, dachte sich Rudolf. Wie sollte man schon erklären, was man mitten in der Nacht im Garten der Nachbarn treibt?
Rudolf konnte seinen Augen nicht trauen. Seine Frau stand mit wirr zerzaustem Haar und wehendem Morgenmantel im hinteren Teil des Gartens und hob mit einer Schaufel ein Loch aus. „Schau nur Rudolf. Ich hab’s dir doch gesagt. Da ist eine Leiche begraben ich seh‘ schon den blauen Müllbeutel.“, kreischte sie. In den oberen Stockwerken ging Licht an. Rudolf verfiel in blanke Panik. „Komm schon Anne-Liese. Lass uns hier verschwinden.“, rief Rudolf halblaut und eilte zu seiner Frau herüber und riss an ihrem Arm. Doch Anne-Liese ließ nicht locker. Mittlerweile hatte sie den blauen Müllbeutel freigelegt und hatte begonnen ihn mit einiger Mühe aus dem Loch zu zerren. Jetzt packte auch Rudolf die Neugier. Er half ihr mit seinem Schweizer Taschenmesser, das er immer bei sich trug, den unförmigen Müllbeutel aufzuschlitzen. Genau in dem Augenblick, als sich der Inhalt ihnen preisgab, ertönte hinter ihnen eine Lautsprecherdurchsage. „Hier spricht die Polizei. Wir wissen, dass Sie sich im Garten aufhalten. Drehen Sie sich mit erhobenen Händen herum.“ Beide erstarrten und drehten sich langsam um. Vor ihnen stand ein riesiges Einsatzkommando, wie es Bibubabu in seiner langen Geschichte, wohl noch nie gesehen hat. Die Polizisten stürmten auf das Ehepaar zu und drückten es zu Boden. „Die kranken Freaks haben einen toten Hund ausgegraben. Schau mal Fred.“, sagte ein Polizist zu seinem Kollegen. Mittlerweile war die ganze Nachbarschaft auf den Beinen und starrten die Schmidts entgeistert an, als diese mit Handschellen abgeführt wurden. Beim Einsteigen in den Streifenwagen sah Rudolf, dass die neuen Nachbarn verängstigt durch den Polizeibeamten durchschauten. Er schämte sich. Kurz vor dem Wegfahren hörte er einer seiner Nachbar sagen: „Also von denen hätten wir sowas nie gedacht!“